Rabenfedern

Die Welt schmeckt schal und abgestanden. Eine graue Wolkenwand drückt sich am Fenster vorbei, mit dunkelblauen vollgesogenen Regenwolken, die wie dickbäuchige Ballerina in ausgefransten Kleidern ihre Kreise ziehen.

Meine Schultern sind in Blei getaucht, in kaltes, schweres und giftiges Blei. Sie drücken mich auf den Küchentisch, wo eine Tasse grüner Nebeltee kalt und bitter geworden ist.
Mein Atem ist ein Seufzen, meine klammen Finger umfassen die Tasse auf der Suche nach Wärme, die längst verflogen ist. Ein Rabe, wie von einer unsichtbaren Macht bestellt, krächzt einsam vor dem staubigen Fenster. Er hockt auf einem kahlen Ast und putzt sich sein schwarzes Trauerkleid, das er niemals ablegen kann.

Später gehe ich raus, um den Wind zu spüren, der immer sanft und gutmütig die schweren Gedanken an Verlorenes davonträgt und zerstreut. Eingepackt in meinen Herbstmantel, stapfe ich durch das blasse Gras. Die Schritte schwer, als warte ich durch fester werdenden Beton. Dort im ausgelaugten Pflanzenbett steckt eine Rabenfeder. Ich bücke mich und hebe sie auf.

Das Licht fängt sich im Gefieder und schillert ganz leicht. Und ich muss mich daran erinnern, dass du sagst, das Schwarz und Grau aus mehr Farben gemischt wird, als man sich vorstellen kann. Der Wind streicht achtsam durch meine Haare und lässt sie tanzen wie die plumpen Wolken am Himmel.

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