Introvertierte Autoren: 8 Gründe NICHT auf die Leipziger Buchmesse zu fahren.

Die Leipziger Buchmesse 2018 hat heute angefangen und im Gegensatz zu den letzten beiden Jahren bin ich diesmal nicht mit dabei.

Zum Glück!
Für mich, als introvertierte Autorin dazu mit hochsensibler Wahrnehmung, waren die letzten Messen die reinste Tortur. Ein lautes, überfülltes Messegelände ist genau das Gegenteil meines natürlichen Habitats und ich bin mir sicher, das es vielen Autoren ebenso ergeht. Ich beneide die Leute und Kollegen die Messezeiten genießen und jetzt mit glänzenden Augen und gepackten Koffern auf die Reise gehen oder schon längst da sind.

Gute Gründe sich nach Leipzig zu begeben sind für die meisten schnell gefunden.

1. Vereisen, neu Eindrücke gewinnen und Erfahrungen sammeln.
2. Leser treffen und sich mit ihnen unterhalten.
3. Neu Verlage, Autoren, Blogger kennen lernen und sich vernetzen.
4. Man kann auf der Messe eine Lesung halten und die Bücher signieren.
5. Vorträge hören und sich weiterbilden.
6. Die Konkurrenz im Blick haben und sich inspirieren lassen.
7. Abends eine der vielen Veranstaltungen besuchen und ausgehen.
8. Viele neue Bücher kaufen (Bei den kleinen Verlagen) oder wenigstens Werbegeschenke abstauben

Klingt eigentlich fantastisch! Mit genau dieser Vorstellung bin ich auch die letzten Jahre losgefahren, doch dann kollidierte diese Vorstellung knallhart mit der Realität. Peng! Da lag ich nun ich zitterndes elendiges Ding. Fühlte mich wie ein Reh, das in den Scheinwerferkegel eines Lasters starrt. Wieso? Schauen wir uns die Punkte die ich gefunden habe einmal an und vergleichen sie mit meinem introvertierten Wesen…

1. Vereisen, neu Eindrücke gewinnen und Erfahrungen sammeln.

Ich liebe Reisen. Nach Alaska, nach Norwegen, in die Wälder, ans Meer. Die Ruhe. Die Natur. Die Stille. Hier bin ich zuhause. Doch jetzt geht es nach Leipzig. Autos, Lärm, Menschen, Lichter, Reklamen. Schon bei der Anreise prasseln Eindrücke auf mich ein. Zu viele Eindrücke. Mein Gehirn fühlt sich jetzt schon weichgekocht an. Dann geht es auf das Messegelände. Mein Hals zugeschnürt. Zu viele Bilder. Zu viele Gerüche. Zu viele Menschen. Error. 404. Fehler. Schon in den ersten fünf Minuten schiele ich zu den Notfalltüren. Hoffe es gibt eine Flutwelle, ein Unwetter, irgendwas das das hier beendet. Das jüngste Gericht? Kann es nicht jetzt kommen?

2. Leser treffen und sich mit ihnen unterhalten.

Ich liebe es mich zu unterhalten. Führe gerne tiefgründige Gespräche, höre zu. Denke lange und ausführlich nach bevor ich eine Antwort gebe. Am besten in kleinen Runden mit guten Freunden oder Familie. Doch hopsa Ich in auf der Messe. Smalltalk ist die Devise. Da steht jemand vor mir und will etwas wissen und was mache ich mit meinem matschigem Kopf? Nichts. Kein Wort will aus mir raus kommen. Oder ich stottere, ich mache Ähms, betone Worte vollkommen falsch. Benehme mich wie ein Trottel. Beginne zu schwitzen wie ein Schwein. Alle starren mich an. Gefühlt. WO war nochmal der Notausgang?

3. Neu Verlage, Autoren, Blogger kennen lernen und sich vernetzen.

Ich mache mir gerne Pläne. Spinne ein Netz aus Sicherheit um mich herum. Ich durchdenke alles bis ins Detail und darüber hinaus. Ich bin ein Kopfmensch … ich kann das online. Manchmal. Jetzt stehe ich in einer Halle in der es zu wenig Sauerstoff gibt, Menschenmassen rempeln mich an und schieben mich herum. Da ein interessanter Verlag. Ich sollte mich vorstellen. Die Luft wird dünner. Mein Herz rast. Nun los einfach mal offen und spontan sein. Das netzt verlassen … Hahaha. Ich greife mir „spontan“ einen Werbeflyer und tauche unter. Wahrscheinlich werde ich aus schlechten Gewissen später ein paar Bücher von ihnen kaufen.
Kontakte die ich nach zwei Jahren Messe gemacht habe = 0.

4. Man kann auf der Messe eine Lesung halten und die Bücher signieren.

Ich kann gut vorlesen. Mir selbst. Meinem Freund. Kein Problem. Doch dann Tag x auf der Messe. Bauchschmerzen schon am Morgen .Error. Error. Error. Plötzlich bin ich da. Bühne. Mikrofon. Augen. Error. Error. Error. Ich lese. Error. Schon bin ich von der Bühne runter. Mein Kopf funktioniert nicht mehr. Ich brauche jetzt stille und Ruhe um mich aufzuladen. Die Toiletten? Überfüllt. Die Flure? Überfüllt! Flucht ins Auto zum Parkplatz. Meine Konzentration will sich nicht wieder auffüllen. Gleich noch Bücher signieren. Und mit Sicherheit kommen Leute die Stapphan, Anuliese und Hildde heißen. Mit den merkwürdigsten Buchstaben Kombinationen. Angstschweiß in den Augen ist da auch nicht hilfreich. Jarhundertflut wo bist du?

5. Vorträge hören und sich weiterbilden

Ich bin wissensdurstig. Ich reflektiere, ich lese ich wachse. Ich brauche neues für meinen Kopf. Doch ich bin in Leipzig. Mein Gehirn zerkocht wie eine Tomate. Alles was ich höre, landet sofort im See des Vergessens. Was mache ich noch hier? Wie war eigentlich mein Name? Was ich bin erst 30 Minuten hier?

6. Die Konkurrenz im Blick haben und sich inspirieren lassen.

Ich bin eine gute Beobachterin. Das liegt introvertierten im Blut. Beobachten. Zusammenhänge erkennen. Mein Ding. Eigentlich. Aber auf einer Messe bin ich blind. Zu viele Bücher um mich herum, sie schmelzen zusammen zu einem klumpen Wörterbrei. Menschen? Sehen alle gleich aus. Grelle Schemen. Menschenbrei. Konkurenzbrei. Inspirationsbrei, Allesbrei. Hab ich schon mal erwähnt das Menschenmassen mein Kopf zu Brei verwandeln?

7. Viele neue Bücher kaufen oder wenigstens Werbegeschenke abstauben.

Ich bin mittlerweile ein Zombie. Dort gibt es gratis Schokolade. Ich will Schokolade. Aber dazu muss ich den netten Typen am Stand ansprechen. Ich kann nur noch sabbern. Die Leute machen einen Bogen um mich. Mein Gesicht eine Grimasse vom falschen Lächeln. Brauchbare Goodys und Bücher die ich in zwei Jahren erbeutet habe: 1 Buch und ich kann mich nicht mehr erinnern wie das passiert ist.

8. Abends eine der vielen Veranstaltungen besuchen und ausgehen.

Der perfekte Abend für mich. Ein gutes Buch. Netflix, Lagerfeuer, früh ins Bett gehen, vielleicht ein Brettspiel spielen. Veranstaltungen? Ausgehen? Ich? In einer Großstadt? Hahahahaha. Error.

Heute sitze ich mit einer Kanne grünem Tee, Schokolade, meinen Texten und Büchern an meinem Schreibtisch und fühle mich wohl. Natürlich bin ich auf der Skale zwischen extrovertiert und introvertiert ziemlich das äußere Ende und ander Intros haben vielleicht Techniken gefunden wie sie damit umgehen können. Teilt mir euer Geheimnis mit!
Ich freu mich davon zu hören und vielleicht sieht man mich ja doch nochmal auf einer Messe … in Rüstung und mit Maske. Oder in Raumanzug während ich mich durch die Atmosphäre eines für mich fremden Planeten schlage.

Eure,

2 thoughts on “Introvertierte Autoren: 8 Gründe NICHT auf die Leipziger Buchmesse zu fahren.

  1. Myna Kaltschnee says:

    Hallo Lisa,

    ein sehr humorvoller, aber auch ehrlicher Beitrag. Vielen Dank dafür, dass du die Stimme für uns Introvertierte erhebst. Ich war bisher nur auf der Frankfurter Buchmesse, aber ich weiß genau, was du meinst. Diese Reizüberflutung trifft mich auch immer mit voller Wucht. Auf der letzten FBM war ich an einem Samstag – man musste sich geradezu durch die Massen schieben. Aber ich habe ein paar Freunde getroffen, die ich bisher nur aus dem Internet kannte und das hat die Sache wieder wettgemacht. Trotzdem war ich gegen 14 Uhr nur noch Matsch und wir sind gegangen. Ich war ein bisschen enttäuscht von mir selbst, dass ich nicht länger durchgehalten habe. Aber so wie es aussieht, geht es nicht nur mir so.

    Liebste Grüße
    Myna

    Antworten
    1. Funkenstifter says:

      Hallo Myna,
      die Enttäuschung über mich selbst war auch schlimmste für mich als ich nach wenigen Stunden von der FBM flüchtet. Mittlerweile habe ich aber akzeptiert das Messen eben nicht meine Welt sind. Und es gibt ja auch durchaus große Autoren die es uns vor machen wie es anders geht. Walter Moers zum Beispiel.
      Werbung für sein Buch kann man auch auf anderen Wege machen. Mit Menschen kann man sich auch in kleinem Rahmen treffen, wie in einem gemütlichem Café…
      Auf jeden Fall danke für deine Gedanken zum Blogbeitrag, auch mit tut es gut zu hören nicht alleine mit dem Thema da zustehen.

      Liebe Grüße,
      Lisa

      Antworten

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